Kinder- und Jugendorthopädie
Dr. Bernhard Speth

Fersenschmerzen bei Kindern und Jugendlichen-
Apophysitis calcanei (Morbus Sever)
Was ist eine Apophysitis calcanei?
Der Fersenbein (Calcaneus) wächst beim Kind und Jugendlichen an einer besonderen Wachstumszone, der sogenannten Apophyse. Diese liegt am hinteren unteren Pol des Fersenbeins und ist noch nicht vollständig verknöchert – sie besteht aus Knorpel und ist deshalb deutlich empfindlicher als der fertige Knochen beim Erwachsenen.
Bei der Apophysitis calcanei wird diese Wachstumszone durch wiederholte Belastung und Zugkräfte der Achillessehne gereizt und entzündet. Es handelt sich also nicht um eine eigentliche Entzündung im klassischen Sinne, sondern um eine Überlastungsreaktion an einem noch wachsenden Knochen
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Wer ist betroffen?
Die Apophysitis calcanei ist die häufigste Ursache von Fersenschmerzen bei Kindern und Jugendlichen und betrifft vor allem Kinder zwischen 8 und 15 Jahren – also genau in der Phase des stärksten Wachstumsschubs. Besonders häufig sind sportlich aktive Kinder betroffen, insbesondere jene, die Fussball, Leichtathletik, Turnen, Tennis oder Ballet betreiben. Auch Übergewicht gilt als Risikofaktor.
Mädchen und Buben sind gleichermassen betroffen, häufig leiden beide Fersen gleichzeitig.
Wie entsteht eine Apophysitis calcanei?
Während des Wachstumsschubs wächst der Knochen oft schneller als die umgebende Muskulatur und Sehnen. Die Achillessehne wird dadurch relativ kürzer und übt erhöhten Zug auf die noch weiche Wachstumszone des Fersenbeins aus. Jede Belastung – Laufen, Springen, Stehen – verstärkt diesen Zug und führt zur schmerzhaften Reizung.
Welche Beschwerden treten bei einer Apophysitis calcanei auf?
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Fersenschmerzen, typischerweise am hinteren unteren Pol der Ferse, die während oder nach sportlicher Belastung auftreten
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Morgensteifigkeit und Schmerzen bei den ersten Schritten nach dem Aufstehen
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Schonhinken – viele Kinder belasten den Fuss beim Gehen auf der Zehenspitze, um die Ferse zu entlasten
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Druckschmerz an der Ferse, der sich durch seitliches Zusammendrücken provozieren lässt (sog. Squeeze-Test)
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Die Beschwerden bessern sich typischerweise in Ruhephasen und verschlimmern sich bei Sport
Wie wird eine Apophysitis calcanei festgestellt?
Die Diagnose ist in der Regel eine klinische Diagnose – das heisst, sie wird durch eine gründliche körperliche Untersuchung gestellt. Ein positiver Squeeze-Test (Schmerz beim seitlichen Zusammendrücken der Ferse) ist dabei sehr charakteristisch.
Ist eine Bildgebung notwendig? Die Diagnose der Apophysitis calcanei wird sicher durch die klinische Untersuchung gestellt – eine Bildgebung ist in den meisten Fällen nicht erforderlich. Ein Röntgenbild wird nur dann durchgeführt, wenn die Beschwerden untypisch sind oder andere Ursachen wie ein Knochenbruch ausgeschlossen werden müssen.
Wie wird eine Apophysitis calcanei behandelt?
Die gute Nachricht: Die Apophysitis calcanei ist ausschliesslich konservativ – also ohne Operation – behandelbar und heilt mit dem Abschluss des Knochenwachstums vollständig und ohne bleibende Schäden aus. Langzeitschäden sind nicht bekannt.
Aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeiten bestätigen, dass konservative Behandlungsmassnahmen bei nahezu allen betroffenen Kindern zu einer deutlichen Beschwerdelinderung und einer Rückkehr zum Sport führen – in der Regel innerhalb von wenigen Wochen bis zwei Monaten.
Die Behandlung erfolgt stufenweise:
Erste Massnahmen (Stufe 1) Massgeschneiderte Einlagen oder Fersenkeile reduzieren den Zug der Achillessehne auf die Wachstumszone deutlich. Gezielte Physiotherapie mit Dehnübungen der Wadenmuskulatur und Kräftigung der Fusshebemuskulatur ist ebenso wirksam. Diese Kombination gilt als wirksamste Erstmassnahme.
Ergänzende Massnahmen (Stufe 2) Kühlung nach Belastung, entzündungshemmende Schmerzmittel (z.B. Ibuprofen) für kurze Zeit sowie eine vorübergehende Reduktion der sportlichen Belastung helfen, die akuten Beschwerden zu lindern. Kinesiotaping kann die Funktion verbessern und den Alltag erleichtern.
Bei anhaltenden Beschwerden
(Stufe 3) In hartnäckigen Fällen kann eine vorübergehende Ruhigstellung mit einem Gips sinnvoll sein, um dem gereizten Knochen eine vollständige Erholungsphase zu ermöglichen.
Eine Operation ist bei der Apophysitis calcanei zu keinem Zeitpunkt notwendig.
Was können Eltern zu Hause tun?
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Tägliche Dehnübungen der Wadenmuskulatur – am besten morgens vor dem Aufstehen und nach dem Sport
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Sportschuhe mit gutem Fersenpolster und ausreichender Dämpfung wählen
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Fersenkeile oder gepolsterte Einlagen in den Schuh einlegen
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Sportbelastung bei starken Schmerzen vorübergehend reduzieren – ein vollständiges Sportverbot ist meist nicht notwendig
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Kühlung nach dem Sport (10–15 Minuten)
Wie lange dauert eine Apophysitis calcanei?
Die Beschwerden können über Monate bestehen und gelegentlich auch wiederkehren, solange das Knochenwachstum noch nicht abgeschlossen ist. Mit dem Ende des Wachstumsschubs – bei Mädchen meist zwischen 11 und 13, bei Knaben zwischen 13 und 15 Jahren – verschwinden die Beschwerden vollständig und dauerhaft.
Was können Sie als Eltern tun?
Wenn Ihr Kind über anhaltende Fersenschmerzen klagt, beim Sport hinkt oder auf den Zehenspitzen läuft, lohnt sich eine kinderorthopädische Abklärung. Eine frühe Diagnose und gezielte Behandlung helfen, den Alltag und den Sport so wenig wie möglich zu unterbrechen.
Tipps für Hausärzte und Kinderärzte
Die Apophysitis calcanei ist eine klinische Diagnose, die ohne Bildgebung gestellt werden kann. Der Squeeze-Test – seitliches Zusammendrücken des Fersenbeins – ist einfach durchzuführen und bei positivem Befund beweisend. Eine Röntgenaufnahme ist nur bei untypischer Klinik oder Verdacht auf eine Fraktur indiziert.
Die Behandlung kann hausärztlich eingeleitet werden: Fersenkeile oder Einlagen, Dehnprogramm der Wadenmuskulatur und bei Bedarf kurzfristig Ibuprofen sind in den meisten Fällen ausreichend. Ein vollständiges Sportverbot ist nicht notwendig und wird von den Kindern schlecht toleriert – eine Belastungsreduktion auf ein schmerzfreies Mass ist sinnvoller.
Eine Zuweisung zur Kinderorthopädie empfiehlt sich bei ausbleibender Besserung nach 2-3 Monaten konservativer Therapie, bei sehr starken Schmerzen mit Gehunfähigkeit, bei untypischer Klinik oder wenn eine Gipsruhigstellung erwogen wird. Differentialdiagnostisch sollte bei älteren Jugendlichen und atypischer Lokalisation an eine Stressfraktur des Fersenbeins gedacht werden.
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